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Die Geschichte von der kleinen Quelle
Ein Anspiel von Andreas Erben nach einem afrikanischen Märchen
Copyright Dr. Andreas Erben, 2003 Rollen:
- Erzähler
- Die kleine Quelle
- Die Blume
- Der Briefträger Herr Löwe (und ein Löwenkind)
- Der Bestatter Herr Geier
- Ein Träger
- Ein alter Baum
- Der Wetterfrosch
(Die Quelle, der alte Baum und die Blume sind in jeder Szene anwesend)
1. Szene
Erzähler: Mitten in der afrikanischen Savanne – weit weg von Städten
- und Dörfern – sprudelt eine winzige Quelle. Sie ist auf keiner Karte eingezeichnet.
Jägern und Wanderer kennen sie nicht. Nur wenige kleine Tiere wissen, dass es sie gibt. Aber sie ist da. Und sie verschenkt Tag für Tag ihr kostbares Nass. Eines Tages kommt Besuch vorbei. Es ist Herr Löwe, der Briefträger, der einen langerwarteten Brief bringt.
- Quelle: Hallo, Herr Löwe! Das ist aber ein seltener Besuch. Wie
- komme ich zu dieser Ehre?
Löwe: Ein Brief, liebe Quelle! Ein Brief von der
- Quelle: Endlich.
Ich habe so lange darauf gewartet. Bestimmt ist es die Wasseranalyse. Ich wollte doch wissen, welche Mineralien und Spurenelemente in meinem Wasser sind. Ich bin so gespannt auf die Antwort.
- Löwe: Bitte, ihr Brief. Sie machen einen ja richtig neugierig.
- Quelle: Bleiben Sie ein Weilchen, Herr Löwe.
Ich lesen ihnen die Antwort vor. (Liest) Liebe unbekannte kleine Quelle, hiermit bestätigen wir den Eingang ihrer Wasserprobe. Leider müssen wir ihnen mitteilen, dass auf Grund von Paragraph 413, Absatz 8, keine chemische Analyse ihres Quellwassers erstellt werden konnte. Sie unterschreiten erheblich die staatlich festgelegte Untergrenze für die Abgabe von Quellwasser. Die Savannenverwaltung ist aus Kostengründen nicht befugt, eine Analyse für eine Quelle ihrer Kategorie zu erstellen. Mit der Hoffnung auf ihr Verständnis, Zacharias Zerbrastreifen, Savannenmeister.
- Das ist die Höhe! Diese Bürokraten! Sie kennen nichts als ihre Gesetze und Bestimmungen!
- Löwe: Tut mir leid für sie. Sie können ja in ein paar Jahren wieder einen Antrag stellen. Tschüss. Ich muss weiter.
- Baum: Ganz schön traurig. Jeden Tag spendest du wunderbares Wasser, aber das zählt nicht für die da oben.
- Quelle: Ich bin eben überflüssig.
- Baum: Ach, kleine Quelle. Wie könnte ich dir nur beweisen, wie wichtig du bist?
2. Szene
- Erzähler: Es dauert lange, bis die kleine Quelle diese große Enttäuschung verarbeitet hat. Früher hörte sie gern den Geschichten der Tiere zu, die zum Trinken kamen.
Jetzt aber fließt sie nur still vor sich hin. Sie hat kaum noch Interesse an der Welt um sich herum. Da hüpft eines Tages ein Wetterfrosch vorbei.
- Frosch: Sonnenbrillen zu verkaufen! Noch jemand ohne Sonnenbrille?
- Quelle: Was ist los? Warum schreist du so laut? Wer bist du?
- Frosch: Wer hat sich denn da versteckt? Eine kleine Quelle!
Du weißt nicht, wer ich bin? Ich bin der Wetterfrosch. Kennst du mich nicht vom Fernsehen? Leider wurde ich entlassen. Und jetzt versuche ich mein Glück als Sonnenbrillenverkäufer.
- Quelle: Warum hat man dich entlassen?
- Frosch: Weil sich das Wetter für eine lange Zeit nicht mehr ändern wird. Da braucht man nur noch dieselbe Ansage herunterzuspielen, quack, quack.
- Quelle: Welche Ansage?
- Frosch: Ich zeige dir mal die letzte Wetterkarte, die ich im Fernsehen den Zuschauern erklärt habe.
Diese Ansicht wird jetzt jeden Tag im Fernsehen gezeigt (rollt Blatt mit großer Sonne auf). Das sind die Aussichten fürs nächste halbe Jahr.
- Quelle: Immer nur Sonne? Dann werden wir zur Wüste.
- Frosch: Du sagst es. Ich muss weiter, quack, quack. Solange es hier noch jemanden gibt, mit dem man Geschäfte machen kann.
3. Szene
Erzähler: Und weggehüpft ist er, der Wetterfrosch. Hoffentlich verliert
- er beim Hüpfen seine Brillen nicht. Denn dunkle Brillen kommen jetzt in Mode und dunkle Anzüge offenbar auch. Ach, was rede ich, überzeugen Sie sich doch selbst.
Träger: Wohin soll der Stuhl, Herr Geier?
Geier: Da drüben richte ich mein Büro ein, unter dem alten Baum
Träger: Brauchen Sie noch etwas, Herr Geier?
Geier: Nein, das ist alles. Mein Geschäft braucht wenig Möbel. Sie
- können gehen. (setzt sich auf den Stuhl unter den Baum)
- (Das Handy läutet)
- Bestattungsinstitut Geier. Wie kann ich ihnen helfen? ... Mein herzliches Beileid ... Oh, wie tragisch. ... So ein junges, hoffnungsvolles Leben. ... Ja, wird erledigt. ... Ja, wir kommen sofort.
- (Im Gehen)
- Killt die Dürre einen Reiher, kommt im Flug Bestatter Geier.
4. Szene
Erzähler: Die einen kommen, die anderen gehen. Für die Tiere wird
- es höchste Zeit, die Savanne zu verlassen.
Die Folgen der Dürre werden immer verheerender. Zuerst vertrocknet das Gras. Dann welken die Büsche. Jetzt sind die kleinen Bäume dran. Sie sterben ab und ragen kahl in den wolkenlosen Himmel. Der Regen bleibt immer noch aus. Das Land wird zu einer staubigen Einöde. Selbst der Morgen bringt kein Tau. Immer mehr Tiere sterben vor Durst. Nur wenige haben die Kraft, aus der tödlichen Steppe zu fliehen.
Löwe: Komm, nicht müde werden. Wir haben noch einen weiten
Kleiner Löwe: Können wir nicht eine kurze Pause machen? Ich habe so
- großen Durst, Papa. Gibt es nicht hier irgendwo etwas zu
- trinken?
- Löwe: Wart mal. Ich glaub, ich weiß was. Da hinten gab es früher eine Quelle, aber nur eine ganz kleine. Vielleicht finden wir dort noch etwas Wasser.
- Quelle: Guten Tag, Herr Löwe.
- Löwe: Ein Glück, dass sie noch da sind! Jeder Tropfen Wasser ist eine Labsal. (Beide trinken)
- Quelle: Sie sind ja schwer bepackt. Wohin soll denn die Reise gehen?
- Löwe: Bloß weg aus der Savanne. Sonst holt uns noch der Geier.
- Quelle: Na dann, auf Wiedersehen.
- Löwe: Auf Wiedersehen klingt gut. Ihren Glauben möchte ich haben.
5. Szene
- Erzähler: Herr Löwe, wir wünschen ihnen Glück für die weite Reise. Wie Sie sehen, hält es selbst der König der Tiere nicht mehr in der Savanne aus.
Die Dürre nimmt kein Ende. Flüsse und Quellen sind ausgetrocknet. Nun sterben auch die alten und starken Bäume, die tiefe Wurzeln haben. Langsam verlieren sie ihre Blätter. Nur einer einzigen Blume scheint die Trockenheit nichts anzuhaben. Was denkt ihr, woran das liegt? Weil die kleine Quelle immer noch genug Wasser für sie hat. Ein paar Tropfen Wasser reichen für die Blume aus, die Trockenheit zu überstehen.
- Baum: Lange halte ich das nicht mehr aus. Mir tut alles weh – von der Wurzel bis zur Krone.
- Quelle: Könnte ich dir nur helfen, alter Baum. Aber mein Wasser reicht für dich nie und nimmer.
- Baum: Das weiß ich doch. Ich habe nie von deinem Wasser gelebt. Bitte versteh mich nicht falsch. Das war kein Vorwurf.
- Quelle: Wozu soll ich überhaupt noch fließen? Wenn du und alles um mich herum stirbt und ich nichts dagegen machen kann?
- Baum: Hast du die Blume an deiner Seite vergessen? Sie lebt, weil es dich gibt.
- Quelle: Die Blume? Die hatte ich ganz vergessen. Aber was hat es für einen Sinn, wenn ich nur eine einzige Blume am Leben erhalte? Damit komme ich nicht gegen die Wüste an.
- Baum: Diese Blume bedeutet mir unendlich viel.
Ich schaue sie gerne an. Ihr Blühen gibt mir Kraft. Solange sie am Leben bleibt, gibt es Hoffnung. Es ist nicht sinnlos, was du tust. Wenn du nur eine Blume am Leben erhältst, hast du genug getan. Merkst du, wie wichtig du bist? Müh dich weiter, kleine Quelle! Gib nicht auf.
- Erzähler: An dieser Stelle verabschieden wir uns von der kleinen Quelle, der Blume und dem alten Baum. Ich wünsche dir, dass du dich an diese Geschichte erinnerst, wenn es dir wie der Quelle
geht. Auch du brauchst nicht die ganze Welt zu retten. Hüte eine einzige Blume. Mehr nicht. Dann hat dein Leben einen Sinn.
- Ende.
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