Anton und die Kinder

Anton und die Kinder

Kulisse: Erntedanktisch als „Antons Obst- und Gemüsediele“ dekoriert

1. Szene

Der Gemüsehändler Anton geht im Laden hin und her, ordnet die Auslagen, fegt mit dem Besen den Bürgersteig vor seinem Laden.

Anton: Ob schon jemand die Geschichte der Menschheit an Hand des Obst-  und Gemüsehandels beschrieben hat? Schon mal so was gehört?  Oder gelesen? Nein? Niemand? Wirklich? Also, wenn ich in   meinem Buch lese, da spielen Obst und Gemüse am Anfang der   Menschheitsgeschichte eine große Rolle. Gut, zugegeben, zuerst   gab’s ja keine Händler. Da waren die Birnen kostenlos. Wenn das   so geblieben wäre, wäre ich heute arbeitslos. Und wenn schon, dann  hätte ich mehr Zeit in meinem Buch zu lesen.

Emilie: Guten Morgen, Herr Anton. Meine Mutter sagt immer,   Selbstgespräche sind die schönste Unterhaltung. Da fällt einem  wenigstens niemand ins Wort.

Anton: Guten Morgen, Emelie. Ich hab nur so’n bisschen philosophiert.  Was darf’s denn heute sein, junge Frau?

Emilie: Nur ein Apfel.

Anton: Ja, ja nur ein Apfel. Das kenne ich aus meinem Buch. (poliert den  Apfel mit einem Tuch) Hier, das ist ein besonders schöner – mit  einer fröhlichen und einer traurigen Seite, und einem Stiel so    schlank wie ein Fahnenmast. Macht 25 Cent.

Emilie: Danke, Herr Anton. (geht ab)

Itje:  Ich möchte auch so einen Apfel.

Anton: Ja, natürlich. Ich hab dich gar nicht kommen sehen. Guten Morgen.   Hier, das ist die gleiche Sorte.

Itje:  Nein (stampft mit dem Fuß auf), ich will genau den gleichen Apfel   wie das Mädchen, das vor mir dran war.

Anton: Na, das ist ja mal was Neues. Jeden Tag was Neues. Ist das Leben  nicht schön? Also, schönes Fräulein, genau den gleichen Apfel  kann ich ihnen nicht verkaufen, weil – selbst wenn die Äpfel    von der gleichen Sorte sind – weil doch kein Apfel genau dem    andern gleicht. Hier, nimm doch den, der strahlt wie ein    Sonnenaufgang. Es ist besser zu gebrauchen, was vor Augen ist,  als nach anderm zu verlangen. Ja, ja, ich weiß, was in meinem  Buch steht.

Itje.  Nein, ich hab ihnen doch gesagt, dass ich genau den gleichen Apfel  will.

(Mädchen verschwindet grußlos ohne den Apfel)

  Nanu?

(beißt in den Apfel)

  Hm, der sieht ja nicht nur aus wie ein Sonnenaufgang, der schmeckt   auch so. Komisch, geht einfach grußlos und verärgert weg, weil ich  ihr nicht genau den gleichen Apfel verkauft habe. Ist doch    traurig, wenn alle das gleiche haben wollen, oder? Die Welt ist   doch für jeden anders schön.

2. Szene

(Jonathan und Jakob kommen mit ihren neuen vollen Schulranzen vorbei)

Jonathan: Guten Morgen, Herr Anton.

Jakob: Guten Morgen, Herr Anton.

Anton: Guten Morgen, guten Morgen. Muss ja ganz schön schwer sein,   so ein Ranzen.

Jonathan: Ich kann schon ihren Namen lesen – da – A n t o n!

Jakob: Meine Mama hat gestern Abend mit mir Lesen geübt!

Jonathan: Die Schule macht Spaß.

Jakob: Meine Mama sagt, wenn ich lesen kann, kriege ich einen Computer.

Anton: Gut, gut. Weiter so. Der Weg des Lebens führt den Klugen    aufwärts. Ja, ich weiß, was in meinem Buch steht.

  (Jonathan und Jakob ab)

  (Ann-Sophie und Josephine stehen etwas entfernt vom Laden)

Josephine: Guck mal da drüben, die Erstklässler!

Ann-Sophie: Die sind grade mal einen Monat in der Schule und geben schon so  an.

Josephine: Hast du gehört, wie der redet?

Ann-Sophie: Wer?

Josephine: Na, der aus dem Gemüseladen.

Ann-Sophie: Meine Mutter sagt, der ist nett aber ein bisschen komisch.

Josephine: Was hast du denn da? Zeig mal her.

Ann-Sophie: Das ist mein neues Handy. Das gebe ich dir nicht. Kauf dir doch  selber eins.

Josephine: Ich brauch mir gar keins kaufen. Mein Papa hat mir seinen Handy   versprochen. Das ist sowieso viel besser als deins.

Ann-Sophie: Immer musst du das Beste haben.

Josephine: Na und? Ist doch dein Problem, wenn du neidisch bist.

(gehen ab)

Anton: Die freuen sich noch auf die Schule, die Kleinen. Aber nach der   vierten Klasse bekommen die Einen einen Knacks und die andern   ne gehobene Nase. Die einen gehen aufs Gymi und die andern in  die Regelschule. Die einen landen da oben (zeigt über sich) und die  andern…ja, was guckst du dich so an, Anton? Weißt du nicht, was  in deinem Buch steht? Du sollst nicht begehren deines Nächsten   Grundstück, Auto, Urlaub, Mittagspause noch alles was dein   Nächster hat.

3. Szene

Anton setzt sich auf eine Bank (liest Zeitung).

Anton: Erst mal ein bisschen ausruhen. Ich liebe diese     Straße am Morgen, wenn im Kaffeehaus nebenan der erste   Kaffee gebrüht wird und die Absätze der jungen Damen über das   Pflaster klappern. Nanu, wer ist denn da, Almud, was machst du  denn hier? Solltest du nicht längst in der Schule sein? Hast dir wohl   mal wieder selber Urlaub genommen? Was ist los? Was hast du?

Almud: Keine Lust mehr.

Anton: Was soll das heißen, keine Lust mehr. Keine Lust worauf?

Almud: Auf alles.

Anton: Auf alles?

Almud: Ja, vor allem auf meine Stiefschwester, die blöde Kuh. Die kann   mich mal. Dauernd wird die vorgezogen. Nicht mal Taschengeld   kriege ich von der Neuen von meinem Vater. Meine Stiefschwester   kriegt 40 Euro im Monat von ihr. 40 Euro. Und was kriege ich?  Sogar um das Geld fürs Kino muss ich betteln. Was mein Vater an  der bloß findet. Die sitzt den ganzen Tag auf dem Balkon und   raucht. Nächste Woche kommt ihre Mutter. Ich soll aus meinem   Zimmer raus und bei meiner Stiefschwester auf dem Fußboden   schlafen. Die spinnt doch, die Alte. Das mach ich nicht mit. Ich hau  ab.

Anton: Und wohin? Willst du wieder Urlaub machen bei der Eichen-   Clique wie vergangenes Jahr?

Almud: Ne, ich fahr zu meiner Mutter.

Anton: Aber deine Mutter hat sich doch noch weniger um dich gekümmert  als dein Vater.

Almud: Ist doch egal, Hauptsache weg.

Anton: Weißt du, Almud, soll ich mal mit deinem Vater reden? Vielleicht  fällt uns was andres ein.

Almud: Würden Sie das wirklich machen?

Anton: Klar, ist doch besser. Wer weiß, was dir passiert, wenn du das Ding   durchziehst. Lass dir das alles noch mal in Ruhe durch den Kopf  gehen. Ein verständiges Herz erwirbt Einsicht – ich weiß, was in  meinem Buch steht.

Almud: Manchmal würde ich gern einen Vater haben so wie Sie.

Resi:  Guten Tag, Herr Anton. Ich soll für meine Mutter ein Pfund frische  Tomaten kaufen. Und einen Sack Kartoffeln.

Anton: Du gehst schon alleine einkaufen?

Resi:  Meine Mutter ist krank und muss zu Hause bleiben.

Anton: Die Kartoffeln sind aber ganz schön schwer.

Almud: Ich kann doch für Sie die Kartoffeln nach Hause tragen.

Anton: Wenn du möchtest, aber gern. 3,50 Euro bitte, mein Kind.

(Almud und Resi gehen nach einigen Augenblicken ab)

Anton: (sieht ihnen hinterher) Ist das nicht ein schönes Bild? Könnte das  Leben nicht so einfach sein? Die Almud hat doch so ein weiches  Herz! Eben noch wollte sie davonlaufen und jetzt trägt für ein    wildfremdes Kind einen Sack Kartoffeln nach Hause. Im Grunde   sucht doch jeder die Liebe. Schade, dass am Ende viele das Herz   mit dem Ellenbogen verwechseln. Aber das steht ja schon in   meinem Buch.

4. Szene

(Anton wirtschaftet in seinem Laden herum. Guckt sich das Obst und Gemüse an und macht eventuell einige Kommentare. Setzt sich dann wieder auf die Bank vor dem Laden)

Anton: Nanu, da kommt ja Jonathan ganz allein zurück. Was ist los? Wo ist  dein Freund?

Jonathan: Der will nicht mehr mein Freund sein.

Anton: Und warum? Was ist passiert?

Jonathan: Weil ich in der Hofpause mit andern Kindern gespielt habe.

Anton: Und was ist da so schlimm, wenn man auch mal mit andern   Kindern spielt? Da kann man doch trotzdem Freund bleiben.

(Ann-Sophie und Josephine kommen näher und beobachten die Szene)

Jonathan: Jetzt habe ich keinen Freund mehr.

 Anton: Aber du hast doch mich. Hm, wir beide kennen uns doch schon so  lange.

Jonathan: Ist das wirklich wahr, Herr Anton, dass Sie mein Freund sind?

Anton: Na klar. (Anton drückt Jonathan)

(Ann-Sophie und Josephine stehen etwas entfernt)

Ann-Sophie: Hast du das gehört?

Josephine: Siehst du, wenn man ne richtig feste Freundin hat, kann man auch  noch andre Freunde haben.

Ann-Sophie: Und dann ist es auch nicht schlimm, wenn der andre mal ein   besseres Handy hat, oder?

Josephine: Willst du denn auch so ne gute Freundin sein?

Ende.