Angeklagt ist die Liebe

Angeklagt ist die Liebe

Ein Anspiel von Andreas Erben

Copyright Dr. Andreas Erben, 2003

Die Rollen:

           Die Liebe

           Der Ankläger

           Der Verteidiger

           Ein Mensch

           Ein Zeuge

Ausstattung:

Drei Tische, Schwarze Roben für Ankläger und Verteidiger, die Liebe ist eher bunt gekleidet,  der Zeuge kommt in Weiß, der „Mensch“ trägt einen Anzug

Ankläger:

Wo ist sie?  Habt ihr sie gesehen?  Ist sie endlich da?  Ist sie gekommen?  (Blickt sich im Saal um)  Sie hat Angst vor mir.  Sie hat Angst vor der Wahrheit.  Sie weiß, dass ich sie durchschaut habe.  Ihr Spiel ist vorbei.  Die ganze Wahrheit werde ich ihr ins Gesicht schleudern.  Gnadenlos.  (Pause) Aber was ist, wenn sie heute nicht kommt?  Dann kommt sie eben morgen (will abgehen).

Verteidiger:

(Kommt mit der Liebe im Arm den Gang entlang)  Nur keine Eile, Herr Kollege.  Wir kommen schon.  Die Verhandlung kann gleich beginnen.  Wir sind bereit.  (Stellt die Liebe in die Mitte, nimmt selbst Platz)

Ankläger:

Nun fehlt nur noch der Richter.

Verteidiger:

Da, such dir einen aus, wie jedes Mal (weist in den Saal).  Richter kann jeder sein, das weißt du doch.  Wenn die Liebe angeklagt wird, ist jeder der Richter.

Ankläger:

Du da, ja du da drüben. Ja, genau dich meine ich.  Komm nach vorn.  Du siehst wie ein guter Richter aus. Du hast Augen, Ohren und einen Mund und darüber eine ganze Portion Gehirn.  Los, mach schon, zier dich nicht.  Wenn du heute nicht Richter über die Liebe sein willst, dann kommst du eben morgen oder übermorgen dran.  Einmal muss jeder Richter über die Liebe sein.  Denn die Liebe wird jeden Tag angeklagt. Überall, auf der ganzen Welt. Dafür sorge ich.  Und einmal im Leben muss sich jeder zwischen der Wahrheit und der Liebe entscheiden.

Mensch:

Was muss ich tun?

Verteidiger:

Zuhören.  Du musst dem Ankläger einfach zuhören.  Du musst dich seiner Stimme ausliefern.  Bis sie in deinem Herzen spricht und du nicht mehr unterscheiden kannst, ob du es selbst bist, der redet, oder ein anderer. Du wirst auch mir zuhören.  Wenn die Stimme des Anklägers in dir zu sprechen beginnt, wirst du auch meine Worte in dir hören.  Verwirrt das dich?  Was soll’s, so ist das Leben.  Du wird das schon aushalten.

Mensch:

Und die da?

Ankläger:

Du kannst sie ausfragen. Du kannst sie zur Rede stellen. Ich hoffe nur, dass du sie auch verstehst.  Ich jedenfalls kann die Sprache der Liebe nicht verstehen (lacht).

Verteidiger:

Ich protestiere, Herr Ankläger.  Sie verhöhnen das hohe Gericht.

Ankläger:

(nachäffend)  Sie verhöhnen das hohe Gericht.  Herr Verteidiger, was soll der Quatsch? Können wir nicht endlich anfangen?

Mensch:

Eine Frage noch. Wozu brauchen sie mich eigentlich? Sie zwei können doch die Sache unter sich ausmachen.  Ich habe nämlich keine Lust, mich mit eurem Gezänk zu befassen.  Ich habe Wichtiges zu tun.  Ich will leben!

Ankläger:

Jetzt hab ich endlich genug, Herr Richter.  Ich sag es ihnen ein für alle Mal und ich hoffe, ich muss mich nicht wiederholen. Das hier das ist das Leben. Also herzlich willkommen, und jetzt zur Sache.

Ich klage die Liebe an!

Erstens, ist die Liebe eine Illusion.  Sie geben sich als etwas aus, was sie gar nicht sind, verehrte Dame.  Sie gaukeln den Leuten etwas vor, was es gar nicht gibt. Es gibt keine Liebe im Leben. Es gibt nur Lust, Gier, Begehren, Unterwürfigkeit, ein irres Verlangen danach sich selbst zu quälen, um nicht diese verdammte Sinnlosigkeit zu spüren.  Dafür machen die Leute alles, dafür machen sie sogar Liebe.  Stimmt es nicht, Herr Richter?

Verteidiger:

(zum Richter)  Sie brauchen darauf nicht zu antworten. Sie müssen nur am

Ende das Urteil sprechen. Er macht das immer so, das ist nun mal seine Art.  Für ihn ist jeder irgendwie ein Angeklagter.

Herr Ankläger, wer steht denn da vor ihnen?  Schauen sie doch mal genau hin.  Auf wen haben sie denn die ganze Zeit gewartet?  Wollen sie ernsthaft behaupten, vor ihnen stünde eine Fata Morgana?  Herr Richter, lassen Sie sich nichts vormachen, es gibt die Liebe und da steht sie, vor unseren Augen.

Erinnern Sie sich Herr Richter, haben Sie nicht selbst die Liebe mit ihren eigenen Augen gesehen?  Die Liebe einer Mutter, wenn sie ihr Kind in die Arme schließt.  Die Liebe eines Mannes zu seiner Frau, wie sie sich das Ja-Wort geben.  Die Liebe einer Tochter zu ihrer altgewordenen Mutter.

Ankläger:

Und ob sie das mit ihren eigenen Augen gesehen haben, Herr Richter!  Wie Mütter ihre eigenen Kinder an sich binden.  In ihre kleinen Herzen ein schlechtes Gewissen flechten, damit sie später Reue empfinden, wenn sie ihre eigenen Schritte ins Leben versuchen.  Wie Männer ihre Frauen als Mütter missbrauchen, in ihren Leib hineinkriechen, um sich sicher zu fühlen.  Wie Frauen innerlich verkrüppelt und entstellt ihrem eigenen Wesen immer fremder werden und ihren Hass zu Markte und in die Kirche tragen.  Wie Frauen ihre Männer verlassen.  Und wenn nicht mit ihrem Körper, dann doch mit ihrem Herzen. Wie Männer ihre Frauen eintauschen genau jüngere, angeblich pflegeleichtere Modelle. Ich preise die Liebe der Menschen, wo ist sie nur?  Wie die Alten in den Pflegheimen sich allmählich in Nichts auflösen, genauso wie eine Substanz im Reagenzglas verdampft.  Es rührt mich zutiefst, Herr Verteidiger, wenn ich sie so von der Liebe sprechen höre.  Was ist, Herr Richter?  Sie blicken so verstört?  (Der Richter verhält sich unruhig.  Die Liebe reagiert auf die Sätze, als ob sie geschlagen wird.)

Mensch:

Ach nichts, nur eine kleine Übelkeit.  Das geht schon vorüber.

Verteidiger:

Da haben sie ganz schön Eindruck geschunden. Sie gehen aber heute wieder ran. Natürlich gibt es viele Widersacher der Liebe.  Damit sagen Sie doch gar nichts Neues.  Jeder weiß, dass Selbstsucht, Habgier, Überdruss, Begierde, Eitelkeit und Dummheit das Leben der Liebe bedrohen.  Die sind wie das Unkraut.  Aber es gibt auch andere, edlere Gewächse.

Ankläger:

Jetzt fangen Sie gleich wieder mit Mutter Theresa an, mein Guter.  Ich sage Ihren eins.  Am Ende wartet auf alle der Tod.  Der hat bisher jeder sogenannten Erscheinung der Liebe einen Strich durch die Rechnung gemacht.  Da können ihre Gewächse noch so edel sein.  Am Ende brennen sie alle im Feuer des Todes.  Und wo bleibt die Liebe?  (Der Richter sackt immer mehr in sich zusammen, auch die Angeklagte krümmt sich immer mehr.)

Verteidiger:

Als Victor Frankl im Konzentrationslager war, da spürte er eines Tages die innere Verbindung zu seiner Frau noch deutlicher als die Kälte des eisigen Windes.  Und er wusste mit einem Mal, dass der Mensch allein durch die Liebe lebt und in der Liebe seine Erlösung findet.  Wahre Liebe hinterlässt im Menschen ein unauslöschlichen Eindruck, den selbst der Tod nicht zerstören kann.

Ankläger:

Jetzt wirst du wohl religiös?  Immer wenn ich dich in die Enge treibe, flüchtest du dich in religiöse Faselei. Haben wir das nicht oft genug

durchexerziert? Bitte, erspar mir, dass ich dir wieder alles von vorn erklären muss.  Wenn es einen Gott gäbe, dann...(Der Ankläger stoppt.  Der Richter und die Liebe brechen zusammen.) Ich glaub, der Richter macht schlapp. Der Mann kann aber auch gar nichts vertragen.  Nun halt mir bloß nicht vor, ich hätte ihn ausgesucht  (geht hinüber zum Richter, rüttelt an ihm)  Brauchen Sie ein Glas Wasser?  Soll ich einen Notarzt rufen?

(Sieht zur Angeklagten) Die Angeklagte sieht auch nicht gerade gut aus.  Komisch, ich mach das hier schon so lange und immer wieder ist es dasselbe.  Und dennoch überrascht es mich, dass jedes Mal, wenn der Richter schlapp macht, auch die Angeklagte hinüber ist.

Verteidiger:

Wann begreifst du es endlich?  Wenn du den Menschen die Liebe nimmst, dann nimmst du ihnen das Leben.  Alles, was sie sind, das sind sie durch die Liebe. Aus der Liebe kommen sie und nur die Liebe erhält sie am Leben.  Wann glaubst du mir endlich?

Ankläger:

Was machen wir denn jetzt? So kriegen wir das Verfahren niemals zu Ende.  Hast du vielleicht eine Idee?

Verteidiger:

Klar, aber die magst du nicht.

Ankläger:

Ist mir jetzt alles egal. Hauptsache das Verfahren geht weiter.

Verteidiger:

O.K. dann rufe ich jetzt den Zeugen auf.

Ankläger:

Welchen Zeugen?  Wir haben einen Richter.  Wir haben eine Angeklagte.  Du bist der Verteidiger.  Wozu brauchen wir dann noch Zeugen?

Verteidiger:

Weil wir ohne Zeugen das Verfahren nicht zu Ende führen können, wann kapierst du das endlich?

Ankläger:

Dann ruf den Zeugen, damit wir endlich fertig werden.

Verteidiger:

(an die Menge) Gibt es hier einen Zeugen?  Will jemand als Zeuge für die Liebe auftreten?

Zeuge:

Ich, Herr Verteidiger. (kommt nach vorn, der Richter hebt schwach seinen Kopf, die Angeklagte richtet sich leicht auf und wendet etwas den Kopf zur Gemeinde)

Ankläger:

Der Richter muss den Zeugen vereidigen!

Verteidiger:

(zum Richter)  Ist es ihnen möglich, Herr Richter, den Zeugen zu vereidigen?

Mensch:

(mit schwacher Stimme) Schwören Sie, ich sage die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

Zeuge:

Ich sage die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

Ankläger:

Die Wahrheit.   Dass ich nicht lache.  Was ist Wahrheit?

Mensch:

(Zum Ankläger) Schweigen Sie, ich habe genug von ihnen gehört.

(Zum Zeugen) Sprechen Sie, bitte.

Zeuge:

Ich weiß, woher die Liebe kommt.  Ich kenne ihre Herkunft.  Ich weiß, wo sie lebt.  Ich habe den Ursprung der Liebe mit meinen eigenen Augen gesehen.  Ich habe ihn mit meinen eigenen Händen berührt.  Er, der die Liebe in die Welt brachte, ist das Leben und das Licht für alle Menschen.  (Die Liebe richtet sich allmählich auf.)

Ankläger:

Du lügst.

Zeuge:

Er ist das Licht, das die Finsternis durchbricht, und die Finsternis kann dieses Licht nicht auslöschen. (Die Liebe richtet sich weiter auf.)

Ankläger:

Hör auf!  Genug.

Zeuge:

Jesus ist dieses wahre Licht, das für alle Menschen in dieser Welt leuchtet.  Er ist es, der die Liebe in diese Welt gebracht hat. Doch obwohl er unter ihnen lebte, erkannten die Menschen nicht, wer er wirklich war. Er kam in seine Welt, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.  Wer ihn aber aufnahm und an ihn glaubte, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu sein.  In allen Kindern Gottes lebt die Liebe.  (Die Liebe steht aufrecht und selbstbewusst im Raum.)

Mensch:

(steht auf) Woher weißt du das?

Zeuge:

Ich gebe nur das weiter, was ich selbst gesehen und gehört habe.

Ankläger:

Glaub ihr nicht.  Um Himmels willen, glaub ihr nicht. (Sinkt in sich zusammen)

Mensch:

Erkennst du die Angeklagte wieder?

Zeuge:

Ja.  (geht hinüber zur Liebe, fasst sie an der Hand, sie wenden sich zur Gemeinde)

Komm, wir gehen.  Du wirst noch gebraucht in dieser Welt. (gehen langsam gemeinsam durch den Gang hinaus)

Mensch:

(steht wie erstarrt)

Wartet!  Wohin geht ihr?  Wartet auf mich!  Was soll ich ohne Liebe machen?  (Rennt ihnen hinterher)

Verteidiger:

Das wars.  Das Verfahren ist vorbei.  Der Richter hat gesprochen.

Ankläger:

Aber nur für heute. Morgen klage ich die Liebe wieder an. Und morgen haben wir einen neuen Richter.

(Alle ab)

Lesungen nach dem Anspiel:

Was macht einen Menschen groß,

zum Wunder der Schöpfung,

wohlgefällig in den Augen Gottes?

Was macht einen Menschen stark,

stärker als die ganze Welt,

was macht in schwach,

schwächer als ein Kind?

Was macht einen Menschen unerschütterlich,

unerschütterlicher als den Felsen,

was macht ihn weicher,

weicher als Wachs?

Es ist die Liebe.

Was ist älter als alles?

Es ist die Liebe.

Was kann nicht genommen werden,

aber nimmt selber alles?

Es ist die Liebe.

Was kann nicht gegeben werden,

aber gibt selber alles?

Es ist die Liebe.

Was tröstet, wenn aller Trost versagt?

Es ist die Liebe.

Was dauert, wenn alles wechselt?

Es ist die Liebe.

Was bleibt,

wenn das Unvollkommene abgeschafft wird?

Es ist die Liebe

.

Kierkegaard

Letzten Endes teilt sich die eine Frage,

warum guten Menschen Böses widerfährt,

in sehr viele unterschiedliche Fragen.

Es geht nicht nur um die Frage,

warum etwas geschah,

sondern viel mehr darum:

Wie werden wir reagieren,

nachdem es geschehen ist?

Bist du fähig,

einer Welt zu verzeihen

und sie liebevoll zu akzeptieren,

die dich enttäuschte,

weil sie nicht vollkommen ist,

eine Welt,

in der es so viel Ungerechtigkeit und Grausamkeit,

so viel Ungemach und Verbrechen,

so viel Erdbeben und Unfälle gibt?

Kannst du ihre Unvollkommenheit verzeihen

und sie dennoch lieben,

weil es in ihr auch so viel wunderbare

Schönheit und Güte gibt,

und weil es die einzige Welt ist,

die wir nun einmal haben?

Bist du fähig,

den Menschen um dich herum zu verzeihen

und sie zu lieben,

auch wenn sie dir weh getan

und dich enttäuscht haben,

weil sie nicht vollkommen sind?

Kannst du ihnen verzeihen

und sie lieben,

weil es vollkommene Menschen

überhaupt nicht gibt?

 

Harold Kushner

Herr, hilf mir,

meine Augen auf dich gerichtet zu halten.

Du bist die menschgewordene Liebe Gottes,

du bist die Offenbarung des unendlichen Erbarmens,

du bist die Kundgabe der Heiligkeit des Vaters.

Du bist Schönheit, Güte, Vergebung und Barmherzigkeit.

In dir finde ich alles.

Außerhalb von dir kann nichts gefunden werden.

Warum sollte ich anderswohin schauen und gehen?

Du hast Worte des ewigen Lebens,

du bist Speise und Trank,

du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Du Heiliger, Schönster, Herrlicher,

sei du mein Herr,

mein Heiland,

mein Erlöser,

mein Weggefährte,

mein Tröster

und mein Helfer,

meine Hoffnung,

meine Freude und mein Friede.

Dir möchte ich alles geben, was ich bin.

Mach mich großmütig,

nimm von mir meinen Kleinmut und meine Zaghaftigkeit.

Lass mich dir alles schenken,

alles, was ich habe, denke, tue und fühle.

Es gehört dir, o Herr.

Ich bitte dich, nimm es an

und lass es ganz dein Eigen sein.

 

Henry J. M. Nouwen