Anspiel Reformation in Gera

Gera in der Reformationszeit

Copyright: Dr. Andreas Erben, 2002

Der Ingolstädter Täuferprediger Hänslein durchzieht die Thüringischen Lande. Er wird begleitet von Philipp, einem 12jährigen Jungen.  Hänslein hat Philipp bei seinen Wanderungen in der Nähe eines niedergebrannten Dorfes gefunden.  Seine
Eltern sind beide im Bauernkrieg umgekommen. Der Junge geht ihm nicht von der Seite.  Die Beiden kommen in die Nähe von Gera.

Rollen:

Täuferprediger Hänslein

Philipp, ein Junge

Verarmter Bürger aus Gera

Bettelmönch Baldur

Bettelmönch Benedikt

Philipp: Wann sind wir endlich da? Ich kann nicht mehr. Können wir nicht mal

eine kurze Rast machen?

Hänslein: Ach, Junge, ich mach mir Vorwürfe wegen dir. Das hier ist kein Leben für dich.  Du solltest lieber bei jemand bleiben, der sesshaft ist und nicht wie ich durchs Land zieht.  Ja, ich sollte dich irgendwo unterbringen.  Vielleicht in Nürnberg, da könntest du was Rechtes lernen.  Beschlossen, wir nehmen den Rückweg über Nürnberg und versuchen dich beim alten Konrad in der Badergasse unterzubringen.

Philipp: Sag so was nie wieder!  Niemals wieder. Hast du das verstanden?  Ich bleib bei dir! Und wenn du mich wo lässt, da reiß ich aus.  Und ich dachte, ich bin dein bester Freund!

Bürger: Was ist denn das für ein Geschrei hier?  Soll ich dir helfen, Junge? Du, lässt

du wohl den Jungen in Ruhe!  Sonst bekommst du es mit mir zu tun!  (Droht mit einem Stock)

Philipp: Ach, nein mein Herr.  Es ist ganz anders als ihr denkt. Der Hänslein, der tut keiner Fliege was zu leide.

Bürger: So, so.  Das hörte sich aber ganz anders an.

Hänslein: Die Hand zum Gruß, mein lieber Herr. Wir sind ganz friedliche Leute.  Der Jungen hier, der ist ein Waisenkind. Ich hab ihn im Fränkischen gefunden, nach dem blutigen Juni im vorigen Jahr. Nun hängt er mir an wie eine Klette. Nur leider fehlt uns das Brot im Beutel.  Und die Straße ist unsere Heimat.

Bürger: Ach so, ich versteh. Ihr kommt aus dem Süden. Was hat euch denn zu uns ins Reußenland verschlagen?  Wart ihr beim Bundschuh, beim Aufruhr gegen die Fürsten?

Hänslein: Nein, ich würde nie ein Schwert erheben. Hat nicht unser Herr Jesus gesagt, wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andre auch dar.

Bürger:  Wo hast du denn diese fromme Weisheit her?

Hänslein: Das ist aus dem Evangelium unseres Herrn.  Kennt ihr denn Jesu rechte Lehre nicht?

Bürger: Weißt du, wo ich wohne?  In Gera!  Und weißt du, wer in Gera regiert?  Heinrich der Ältere. Der will, dass in Gera alles beim Älteren bleibt.  Woanders, da haben sie schon evangelische Prediger. In Plauen den Rauth, der ist Gerscher. In Zwickau den Hausmann.  Und in Weida den Linck. Gera ist Schlusslicht – wie immer.

Hänslein: Wie kommt das?

Bürger: Unser Heinrich hält zäh am alten Glauben fest. Der so kaisertreu, der wagt nicht mal zu husten, es sei denn, der Kaiser hustet auch.  Nein, für die Reformation krümmt der keinen Finger.

Hänslein: Aber ist nicht das Reußenland kursächsisches Lehen?  Der Kurfürst von Sachsen ist doch auf Luthers Seite.  Wie steht der Kurfürst dazu, dass euer Herr von Gera die Reformation blockiert?

Bürger: Der Kurfürst von Sachen hat im April einen Brief geschickt.  Er will, dass in Gera das Wort Gottes rein und lauter verkündigt wird.  Aber Heinrich weigert sich. In Gera steht alles zum Besten, sagt er, danke für die Nachfrage. Basta!

Hänslein: Und das hat der Kurfürst so einfach geschluckt?

Bürger: Nein.  Im Juli hat der Kurfürst einen Gesandten geschickt. Der sollte ihn umstimmen.

Hänslein:  Hat das den alten Reußen beeindruckt?

Bürger: Auf keinen Fall. Er hat ihm die alte Leier noch mal erzählt.  Er wüsste von keinem Mangel in Gera, hat er gesagt!

Hänslein: Und euer Rat?  Lässt sich eurer Bürgermeister das so einfach gefallen?

Bürger: Der Gesandte wollte mit dem Bürgermeister verhandeln.  Der Bürgermeister sagt, er kann nichts entscheiden.  Man soll die Sache ruhen lassen.  Typisch Gera. Die Zukunft wird verschlafen.

Hänslein: Ihr tut mir leid.

Bürger: Die Pfarrer stolzieren durch unsre Stadt als gäb es kein Wittenberg und keinen Luther.

Hänslein: Luther hat auch nicht auf alle Fragen eine Antwort.

Baldur: (Unterbricht das Gespräch) Das möchte ich meinen.  Der Luther hat bei weitem nicht auf alle Fragen eine Antwort.  Wochenlang schon frag ich mich, wo mein Bauch hin ist – aber der Luther gibt mir und gibt mir keine Antwort.

Benedikt: Mein Bauch hat nicht mal Tschüss gesagt, als er sich verdünnisiert hat.

Bürger: Wen haben wir den da? Zwei Bettelmönche! Wo treibsts euch denn hin?

Baldur: Treiben ist gut. Vertrieben würde ich sagen.

Benedikt: Aus unserm Kloster vertrieben! Die Heimat haben wir verloren. Der Kurfürst von Sachsen hat unser einfach Kloster geschlossen. Dieser Verräter, dass ihn der...

Baldur: (Vorwurfvoll) Aber, aber, Bruder Benedikt. Beim Heiligen Franzikus, du sollst nicht fluchen!

Hänslein: Ihr seid ja richtig mitgenommen. Ein bisschen durcheinander vielleicht?

Benedikt:  Alles wird heutzutage auf den Kopf gestellt, wer soll da nicht durcheinander sein!  Als ich Kind war hieß es: Von den Mönchen könnt ihr lernen, was wahrer Gottesdienst ist.  Heute heißt: Das Klosterleben ist Werkerei, die Mönche verderben das Evangelium.

Bürger: Der Kurfürst von Sachsen weiß schon, was er tut. Endlich wird aufgeräumt. Ihr Papisten habt genug Kummer über die Christenheit gebracht!

Hänslein: Das Ziel ist gut, aber der Weg ist schlecht. Die Obrigkeit soll die Finger von der christlichen Gemeinde lassen.  Die Fürsten können meinetwegen die Welt regieren, aber nicht die Kirche.

Baldur: Was seid ihr denn für einer? Hör dir den an.  Bist du etwa einer von diesen Wiedertäufern, die neuen Aufruhr zum alten hinzufügen?

Hänslein: Ja, ich bin in der Tat der Meinung, dass nur der Christ sein kann, der sich aus freiem Willen dafür entscheidet.

Philipp: (zu Hänslein) Paßt auf, mit wem ihr hier redet. Ihr wisst doch selbst, wie schnell sie uns jagen!

Bürger: Da mach dir keine Sorgen, Junge. Ich bin kein Spitzel.  Und die da (weißt auf die Mönche) werden meinen Stock zu spüren bekommen, wenn sie sich wagen sollten...

Hänslein: Laßt euer Drohen.  Ja, ich bin, was ihr einen Wiedertäufer nennt.  Ich fürcht mich nicht, das frei zu sagen.

Baldur: Wir sind doch keine Dominikaner, Bruder, sondern einfache Laienbrüder aus dem Orden des heiligen Franzikus.  Nein, Inquisitoren sind wir nicht.  Wir haben uns nie am Scheiterhaufen gewärmt!

Benedikt: Hier, Bruderherz, das Brot, das haben wir gestern in einem Dorf von einer frommen Frau bekommen. Hier, nimm!  Für dich und deinen Jungen. Der hat vor lauter Hunger ganz leere Augen.

Bürger: Das hätte ich von euch nicht gedacht.  Wie steh ich nun da?

Baldur: Was ihr diesem einem meiner geringsten Brüder getan habt, sagt unser Herr.

Benidikt: Der Herr segne dich auf deinem Wege!

Bürger: (zu Hänslein) Ich bewundere euren Mut! Ich bin zwar nur ein armer Mann, aber hier, nehmt diese Wurst von mir.

Hänslein: Schau, Philipp, Wurst und Brot fand ich mitten im Wald.  Wie unser Herr Jesus Christus versprochen hat: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit. Gott vergelts euch allen.

Philipp: Ja, Gott vergelts euch! Und Frieden auf eurem Weg!

(Alle ab)

 

1527 wurde durch den Täuferprediger Hänslein aus Ingolstadt der Müller Hans Peißker von Kleineutersdorf an der Saale, 2 km südlich von Kahla, getauft
Am 20. November 1535 wurde eine Täuferversammlung von 16 Personen in der Kleineutersdorfer Mühle verhaftet. Teils wurden die Verhafteten auf der Leuchtenburg, teils in Jena, Neustadt und Kahla eingesperrt. An dem Prozeß in Jena nahm auch der Wittenberger Philipp Melanchthon, ein Freund Martin Luthers, teil. Drei Täufer wurden am 27. Januar 1536 in Jena öffentlich enthauptet (nach Walter Eberhardt, Reformation und Gegenreformation).

(nach W. Eberhard, Reformation und Gegenreformation)