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Kartoffelkäfer Kurt
Eine Geschichte von Lieselotte Leistner,
in Szene gesetzt von Andreas Erben, 2000
Marienkäfer: (während er durch ein Fernglas sieht)
Phantastisch! Ein ganz großartiges Looping! Ja, jetzt wieder steil hochziehen! Du schaffst es. Gib nicht auf! Und jetzt volle Kraft voraus! Und wieder ein Looping! Nein, doch nicht so! Du musst deine Flügel weiter rausstrecken!
Kurt:
Was ist denn hier los? Was schreist du so rum? So ein Krach während der Mittagsruhe! Und überhaupt, was stehst du hier so rum mit deinem Fernglas? Suchst du was? Bei mir gibt’s nichts zu suchen.
Marienkäfer: Kurt, du weißt wohl noch gar nichts von unserer großen Flugschau im nächsten Monat über der Glockenblumenwiese? Du kriegst wohl gar nichts mehr mit in deinem Kartoffelhaus?
Kurt:
Eine Flugschau? So eine Zeitverschwendung! Du solltest Deinem Kind lieber Lesen und Schreiben beibringen. Nichts als Flausen im Kopf. Nein, diese Leute heutzutage. Und ich dachte, wenigstens die Marienkäfer sind noch anständig!
Marienkäfer: Mit dir kann man ja gar nichts mehr anfangen.
(Kurt geht zurück in sein Haus)
Früher, da war er noch nicht so kleinkariert, der Kurt. Aber seitdem er nicht mehr fliegen kann, ist nichts mehr los mit ihm. (Marienkäfer geht ab)
Erzähler:
Ja, das ist also Kurt, Kartoffelkäfer Kurt. Und hier lebet er, am Rand des großen Kartoffelfeldes. Die große Kartoffel da drüben, das ist sein Haus. Eigentlich geht es ihm gar nicht mal so schlecht. Vor seiner Haustür liegen die prächtigsten Kartoffeln der Welt. Wenn ihr wüsstet, was man mit einer Kartoffel alles anfangen kann!
Kurt: (wieder aus dem Haus kommend)
Flugtag – so ein Unfug. Bei uns im Käferland sollten sie lieber mal einen großen Kartoffeltag veranstalten. Ja, ein Kartoffelfest, das wäre etwas! Kartoffeln mag ich für mein Leben gern. Was mache ich mir bloß heute zu essen? Kartoffelbrei? Oder lieber Bratkartoffeln? Röstkartoffeln wären besser. Aber die hatte ich gestern schon. Wie wäre es mit Kartoffel- Chips? Oder Kartoffelkuchen? Oder lieber Kartoffelpuffer? Kartoffelklöße? Kartoffelbällchen? Kartoffelsuppe?
(zu einer Kartoffel, die er aufgehoben hat) Was mach ich nur mit dir?
Schmetterling: (kommt angeflogen und stellt sich hinter Kurt auf) Kartoffelklöße!
Kurt: Was hast du gesagt? (hält die Kartoffel ganz nahe vor sein Gesicht)
Schmetterling: Kartoffelklöße!
Kurt: Wie bitte? (hält die Kartoffel an sein Ohr)
Schmetterling: Kartoffelklöße!
Kurt: Habt so was schon mal erlebt? Eine sprechende Kartoffel! Ich habe eine sprechende Kartoffel gefunden!
Schmetterling: Hallo Kurt, geht’s dir gut?
Kurt: Hast du mich erschreckt! Du warst das wohl? Du wolltest mich wohl veralbern? Wag dir das nicht noch einmal, sonst...!
Schmetterling: Kurt, war doch nur Spaß.
Kurt: Ich mag aber solche Späße nicht. Ich mag auch nicht, wenn jemand sich von hinten ranschleicht. Und ich mag erst recht nicht, wenn man mich stört. Was ist – wo ist meine Post?
Schmetterling:
Aber Kurt, für dich habe ich doch schon lange keine Post mehr gehabt. Und Werbung sollte ich dir doch nicht mehr bringen. Ich kann doch nichts dafür, dass dir keiner mehr schreibt.
Kurt: Was machst du dann hier?
Schmetterling: Ich kam hier grad vorbei. Da wollte ich nur mal Guten Tag sagen.
Kurt: (macht den Schmetterling nach) mal Guten Tag sagen. Mir hast du den Tag verdorben. Schlechten Tag und Tschüß! (geht wieder in sein Haus)
Schmetterling: (schüttelt traurig den Kopf) Nichts mehr los mit Kurt. Wie soll das nur weitergehen? (geht ab)
Erzähler: Ja, so ist das mit Kurt. Eigentlich könnte er mit seinem Leben zufrieden sein. Aber ihr seht ja selbst.
Alle stößt er weg. Wer will schon noch mit ihm zu tun haben? Dabei war er doch früher so ein fröhlicher Kerl. Da hatte er allerdings noch seine Flügel. Bis er dann eines Tages in die Hände eines Menschen geriet. Der hatte ihn töten wollen, denn dieser Mensch hatte gelernt: Kartoffelkäfer sind Schädlinge. Aber zuvor wollte ihn dieser Mensch noch ein wenig quälen – das ist so eine Eigenart der Menschen. Er riss Kurt die Flügel ab. Dann war plötzlich ein anderer Mensch zur Stelle und es gab Streit zwischen den beiden. Dabei purzelte Kurt zurück ins Kartoffelfeld. Kurt lebte. Aber was ist das für ein Leben! Fliegen war sein Leben gewesen! Hoch hinaus, der Sonne entgegen. Da hatte er sich so glücklich und frei gefühlt. Nun bleibt ihm nur noch die Erde, sein Kartoffelfeld.
Wie er die anderen Kartoffelkäfer beneidet! Alle anderen haben Familie.
Alle anderen haben Flügel. Er hat keins von beiden. Mürrisch ist er geworden, der Kurt. Allen andern Käfern geht er aus dem Weg. Keiner darf ihm zu nahe kommen. Dabei sehnt er sich so sehr nach einer Familie.
(Kurt tritt wieder aus seinem Haus)
Kurt: Was ist denn das für ein Lärm?
(Karoline kommt mit ihren 7 Kindern im Gänsemarsch angelaufen, die Kinder reden laut durcheinander, jeder trägt einen Koffer, alle gehen an Kurt vorbei und grüßen freundlich)
Karoline: Guten Tag!
Kind 1: Guten Tag!
Kind 2: Guten Tag!
Kind 3: Guten Tag!
Kind 4: Guten Tag!
Kind 5: Guten Tag!
Kind 6: Guten Tag!
Kind 7: Auf Wiedersehen!
Kurt: (reibt sich die Augen) Was war denn das! Das ist ja heute hier wie auf dem Bahnhof!
(Die Kartoffelfliegenfamilie lässt sich unweit vom Haus des Kartoffelkäfers Kurt nieder, Karoline kommt zurück, um mit Kurt zu sprechen)
Karoline:
Ich grüße Sie herzlich, mein Lieber. Ich bin Karoline. Da drüben, das ist meine Familie. Wir sind die neuen Nachbarn von der Furche nebenan. Ich bin eine alleinerziehende Mutter, wissen Sie. Verwitwet, um es genau zu sagen. Mein Mann ist vor einiger Zeit in ein Spinnennetz geraten und nie wieder nach Hause gekommen.
(Sie schluchzt)
Kurt: Das ist eine unerhörte Belästigung! Was wollen Sie hier? Haben Sie überhaupt eine Erlaubnis, hier zu fliegen? Von mir bekommen Sie keine!
Karoline:
Ich muss Sie schon bitten, dass Sie uns ertragen, Herr Nachbar! Wir brauchen ein Zuhause genau wie Sie, lieber Herr Kurt. Reichen die Kartoffeln für Sie, reicht es auch für uns. Wir wollen uns doch bitteschön vertragen!
Kurt: (nachäffend) Vertragen, vertragen. Ich brauche niemanden. Da brauche ich mich auch mit niemandem zu vertragen. (schlurft in seine Kartoffel hinein und beginnt mit dem
Kartoffelschälen)
Erzähler: Am nächsten Tag bemerkt Kurt ein geschäftiges Treiben vor dem Fliegenhaus.
Karoline tuschelt mit ihren Kindern. Jetzt fliegen die kleinen Brummhälse in den blauen Himmel hinein. Sie kommen mit dünnen Fädchen und Gräsern zurück.
Kurt: (ruft zum Fliegenhaus hinüber) Na, ihre Kartoffelwohnung ist Ihnen wohl nicht fein genug, was? Wollen Sie alles mit Teppichen auslegen? Oder braucht die Madame ein Himmelbett?
Karoline: Hallo, Herr Kurt (sie winkt)! Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Guten Morgen.
Erzähler: Karoline lächelt hintergründig mit ihren großen dunklen Augen. Einen Augenblick lang ist Kartoffelkäfer Kurt sprachlos, wohl zum ersten Mal in seinem Leben. Aber dann zischt er
irgend etwas wie “Gesindel, dummes zurrendes Volk” und verkriecht sich wieder in seinem Kartoffelhaus. So geht es die folgenden Tage weiter.
Bei den Fliegen herrscht ein munteres Treiben. Kurt brummelt böse Bemerkungen. Allerdings werden seine Bemerkungen im Laufe der Zeit immer leiser und immer weniger böse. Ob das daran liegt, dass ihm Karoline täglich eine Guten Morgen wünscht? Ich weiß es auch nicht so genau. Nachdem zwei Wochen vergangen sind, steht Karoline eines Morgens vor Kurts Kartoffelhaus.
Karoline: Ich möchte ihnen etwas zeigen, Herr Kurt.
Kurt: Zeigen, zeigen – was ist denn jetzt schon wieder los?
Karoline: (hält ihm das Netzt hin)
Hier, sehen Sie mal! Das ist für Sie! Eine Art Flugsitz, wenn Sie so wollen. Sie können sich darauf setzen oder legen. Ich werde Sie mit meinen Kindern dorthin fliegen, wo sie möchten.
Kurt: Fliegen – ich? Wirklich?
Karoline: Ja, und wenn Sie wollen, könnten wir sogar gemeinsam bei der großen Flugschau mitmachen?
Kurt: Sie meinen die große Flugschau über der Glockenblumenwiese?
Karoline: Ja, natürlich. Wir könnten uns um den Preis für den originellsten Flug bewerben.
Kurt: Und das ist wirklich ihr Ernst? Sie wollen gemeinsam mit mir starten?
Karoline: Ja, so ist es. Kommen Sie, Herr Kurt, wir machen gleich einmal einen Probeflug.
(Fliegenkinder kommen mit dem Netz, Kurt setzt sich drauf, ab geht es durch den Saal)
Erzähler: Fort sind sie. War das eine Gesellschaft! So etwas habe ich noch nie gesehen.
Ihr etwa? Ich bin mir ganz sicher, Kurt und die Fliegenfamilie werden zur großen Flugschau über der Glockenblumenwiese ganz bestimmt den ersten Preis für den originellsten Flug gewinnen. Wie wird es dann wohl mit ihnen weitergehen? Ich denke mir, sie werden gemeinsam fliegen, sooft es ihnen Spaß macht. Und eines Tages, wer weiß, wird Karoline mit ihren sieben kleinen Schreihälsen bestimmt zu Kurt in sein Kartoffelhaus ziehen. Platz ist da ja genug. Solltet Ihr in diesem Sommer mal an einem Kartoffelfeld vorbeikommen, wo es ganz herrlich duftet, ist Kurt bestimmt nicht weit weg. Wahrscheinlich wird er für die Fliegenkinder und Karoline den köstlichsten Kartoffelbrei oder die brutzligsten Bratkartoffeln oder die knusprigsten Röstkartoffeln oder die leichtesten Kartoffel-Chips oder den leckersten Kartoffelkuchen oder die zartesten Kartoffelpuffer oder weichesten Kartoffelklöße oder die kugeligsten Kartoffelbällchen oder herzhafteste Kartoffelsuppe zubereitet. Vielleicht werdet Ihr ihn sogar fliegen sehen gemeinsam mit der Fliegenfamilie. Macht nur die Augen weit auf und schaut euch gut um!
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